Ein Geschenk des Himmels
Man fuhr mit der Kutsche vor, ließ sich eine Villa erbauen und genoss „die Dörfer unterm Himmel“. Längst hat sich die Stadt bis in die Weinberge ausgebreitet, Döbling ist aber dennoch ein beliebtes Ausflugsziele geblieben. Gründe dafür gibt es viele.
Alle Wiener kommen in den Himmel. Das ist leicht, dafür müssen sie nicht einmal viel tun. Müssen weder Moralapostel sein, noch ein reines Gewissen haben. Ein Fahrschein reicht, wenn sie mit der „Bim“ unterwegs sind. Zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto kommen sie auch an. Hauptsache sie machen sich auf den Weg. Die Rede ist vom „Himmel“ – dem Ausflugsziel, das über Döbling thront. Die Schriftstellerin Hilde Spiel hat darüber geschrieben. Als leidenschaftliche Döblingerin wusste sie wovon sie sprach. „Verliebt in Döbling” nannte sie ihr Buch und berichtete über die „Die Dörfer unterm Himmel”. „Döbling, vielleicht der schönste, sicherlich der traditionsreichste und geschichtsträchtigste Ort am Saume Wiens" heißt es da in ihren Worten.
„Hilde Spiel war natürlich auch eine Kundin von uns“, erzählt Georg Fritsch, der in der traditionsreichen Buchhandlung, die 1930 von den Schwestern Erna Steinbach und Hilde Glowacki gegründet wurde, seine Karriere als Lehrling begann und die Buchhandlung 1975 übernahm. Fritsch kennt die Gegend wie seine Westentasche: In- und auswendig und das seit über 50 Jahren. Döbling war schon immer ein Treffpunkt der Literaten, ein Ausflugsziel der Wiener. „Das war so ein Örtchen“, beginnt er und spricht von der “widersprüchlichen Mischung“ - die sich hier ansammelte: Anwälte, Ärzte, Juristen und Universitätsprofessoren, dazu die “proletarische Abteilung, die von Grinzing heraufströmte“ und dazwischen das bäuerliche Volk - Weinbauern und Bierbrauer gab es hier zuhauf.
Und dann die Schriftsteller, die sich meist im Cafe Zögernitz trafen. „Thomas Bernhard radelte dort seinen ‚Frost’ runter“, berichtet Fritsch. Es wurde gesungen und Karten gespielt und noch ein Stückchen weiter in der Zeitgeschichte zurück, fuhren die Wiener in der Kutsche vor und Johann Strauss Vater geigte auf. Rundherum nichts als Weinberge in den besagten Dörfern unterm Himmel. Eine Sommerfrische par excellence.
„Alle Wiener kommen in den Himmel. Dafür müssen sie nicht einmal viel tun.“
Was Rang und Namen hatte besaß eine Villa – Alma Mahler zum Beispiel, Rosa Albach-Retty, die Großmuter von Romy Schneider, hat sich in der Reithlegasse niedergelassen und „Doderer hatte in den 30er Jahren ein Zimmer gemietet“, so Frischt. Franz Matsch, ein Atelierkollege von Klimt dessen Töchter – die Zwillinge Matsch - waren Kundinnen bei uns in der Leihbibliothek, erzählt Fritsch weiter. „Sie haben immer Halbzartes gelesen, leicht erotische Lektüre. Die Bücher waren mit einem rosa Bändchen gekennzeichnet.“
Die Weinberge sind ein bisschen stadtauswärts gewandert, die Häuser eine spur höher geworden, der Cottage-Stil der Villen hat sich gehalten, dazwischen gibt’s viel Grün. Aus den Cafe Zögernitz wurde ein Casino, jetzt nennt es sich Residenz und haucht dem Leben in Döbling wieder neues Leben ein. In der Konditorei Oberdöbling trifft man sich ohne sich zu verabreden, plant seine Geschäfte und geht dann weiter seinem Tagwerk nach. Oder man trifft sich bei Gian-Carlo in der Billrothstraße, dem kleinen, feinen Alimentari, und bespricht Wichtiges bei einem guten Glas Wein. „Ich weiß nicht wie ich es ausdrücken soll, damit es nicht zu pathetisch klingt, aber es ist eine der begnadetsten Gegenden von Wien“, sagt Peter Zacherl, der Erbe der berühmten Zacherlfabrik, der seit 28 Jahren hier lebt. Und es genießt.
Gründe, um nach Döbling zu kommen gibt es viele. Nicht zu letzt wegen Georg Fritsch, dessen Buchhandlung einer Bibliothek gleicht. Und der jede Menge Geschichten über die noble Gegend zu erzählen weiß. Manchmal kann es dann auch passieren, dass man am Himmel landet.