Familienbande
Bleiben, weil man hier seine Wurzeln hat. Sein Ding machen, weil man es hier einfach machen kann. Seine Welt errichten, weil es die manchmal braucht – als Gegenstück zum hektischen Treiben auf der Straße. Und nur eines nie wagen: Von hier jemals wieder wegzugehen.
Schlawiner, Haudegen, Tausendsassa - Persönlichkeiten, die sich nicht in eine Schublade packen lassen – einfach weil ihr Schaffensdrang viel zu groß für so eine kleine Lade wäre – die haben sich hier in einer der ältesten Ecken von Wien getummelt. Billy Wilder zum Beispiel, der am Fleischmarkt wohnte und die Anfangsszenen von ‚Extrablatt’ mit Jack Lemmon hier spielen lies. „Das war ein berüchtigtes Zeitungsviertel”, erzählt Othmar John, selbst berüchtigt hier schon zum Inventar des Grätzels zu zählen. Von seinem Freund, dem Frisör Erich Jocham, wird er verschmitzt „Schwirn” bezeichnet. John ist Schauspieler, der gerne durch das Viertel streift, bei Erich im Salon seine Zelte aufbaut und allerlei Geschichten auf Lager hat. „Der älteste Zauberer, Maler und Spiritualist ist der Eric Weber. Der hat sein Atelier hier am Fleischmarkt“, erzählt Othmar John weiter. Und noch etwas zieht hier durch die Straßen: Familienbande. Menschen aus allen Winkeln sind gekommen um zu bleiben. Haben hier Wurzeln geschlagen. Und sich ihr eigenes Reich geschaffen. Seit Jahren. Seit Jahrzehnten. Manche schon seit über einem Jahrhundert.
Die kleine Kunststopferei Pavlovsky gibt es seit mehr als 125 Jahren. Der Schuster Maftei pflegt sein Handwerk seit dem 19. Jahrhundert und seit einigen Jahrzehnten hier vor Ort. Molin-Pradel und seine Familie kommen Sommer für Sommer, um das beste Eis der Stadt zu machen. Julianna Mühlbauer schlug 1903 ihre Zelte auf. Klaus Mühlbauer führt die kleine, feine Hutmanufaktur in der vierten Generation. Und wer seine neugierige Nase nicht zähmen kann klopft einfach an und betritt eine Welt, wie sie vor 100 Jahren ausgeschaut haben muss. Warm und gemütlich ist es in der Werkstatt, mit all den Hüten, die an der Decke schweben, aufgereiht in Reih und Glied, darunter die Näherinnen, vertieft in ihre Arbeit, neben ihnen die Hutformen aus Holz, die sich da stapeln.
„Wer sich hier einmal angesiedelt hat, bleibt. Will nicht mehr weg.“
Dann gibt es da die Czaaks. Maximilian Czaak hat 1928 seine „Gaststätte zum Postamt“ eröffnet. Peter Czaak führt sie in der vierten Generation. Auch hier ist vieles unverändert, wurde zaghaft modernisiert, die Patina herüber gerettet und die notwendigen Modernisierungen unter der Oberfläche versteckt. Die Schmohls – seit ewigen Zeiten war das der Bäcker am Fleischmarkt. Mit über 80 Jahren stand das alte Ehepaar noch in der Bäckerei, er machte frühmorgens frisch die Kipferl, sie verkaufte, die Tochter servierte. Der Enkel wohnt gleich ums Eck, die gute Frau Schmohl sieht man noch ab und zu auf der Straße. Jetzt heißt die Bäckerei „Diglas“ und der Charme vergangener Tage macht sich nicht nur im süßen „Scheiterhaufen” breit. „Mein Opa ist schon zum Schmohl gegangen”, erklärt Klaus Mühlbauer. Sein Vater natürlich auch. Und jetzt lässt er sich dort blicken. Oft mit ausländischen Gästen, die sich gegen die Schickimicki-Lokale und für „the kitch thing” entscheiden, wie Mühlbauer die Konditorei nennt.
Bleiben, weil man hier seine Wurzeln hat. Sein Ding machen, weil man es hier einfach machen kann. Seine Welt errichten, weil es die manchmal braucht – als Gegenstück zum hektischen Treiben auf der Straße. Wer sich hier einmal angesiedelt hat, bleibt. Will nicht mehr weg. Und falls doch, ist die Sehnsucht nach einer Rückkehr groß. So wie bei Milan Dor, Filmemacher und Regisseur, der über dreißig Jahre hier gelebt hat. Der vom Schmohl die frischen Croissants zum Hauspreis bekommen hat, dessen Urgroßmutter die Tochter des griechisch-orthodoxen Pfarrers war. Der jetzt im 8. Bezirk wohnt, „am Land wie er sagt” und dem eines abgeht: „Hinaus auf die Straßen zu gehen, mitten im Trubel zu stehen, die Sprachen zu hören, das ist wie Musik”.