AROUND
NEUTORGASSE 46

Urbane Herrlichkeit

Vor der Türe wartet der Fluss, eine Flaniermeile oder Kunst zum Quadrat – je nachdem, in welche Richtung man vor die Neutorgasse 46 tritt. Im Viertel in der Grazer Innenstadt ist das gute Leben zu Hause.

Die ersten Hunde jagen die verheißungsvollsten Spuren das Murufer entlang, Jogger wecken ihre noch müden Beine mit Gymnastik. In wenigen Minuten und noch weniger Schritten vom Kai entfernt beginnt ein Wochentag in der Grazer Innenstadt. Während die Schulkinder am nahen Jakominiplatz aus den Autobussen in Straßenbahnen umsteigen, hört man in der Kaiserfeldgasse vereinzelt Stöckelschuhtrippeln. Vor zehn Uhr sperrt hier im Umkreis von fünf Gehminuten kaum ein Geschäft auf, den kleinen Nahversorger ausgenommen. Im kleinsten Spar Österreichs steht man immer direkt vor einer Vitrine, egal, wie man sich dreht. Die freundliche Bedienung richtet herzhafte Jausensemmeln, nur Rose Mild übertrifft diesen Nährwert mit ihren Hausbroten in der Feinkoststube in der Stubenberggasse. Mitten in der Grazer Innenstadt ist gute Nachbarschaft zentral. Man kennt sich. Das heißt nicht, dass man das groß und bei jeder Gelegenheit hinausposaunen muss. Oft ist es ein stilles, einvernehmliches Lächeln mit einem anerkennenden Nicken: Servus!

Umso öfter wird man umarmt, wenn man hier in eine der vielen Gaststuben eintritt. Da macht die Wirtin Stefania im Capperi! keine Ausnahme. Im italienischen Lokal liegt der mediterrane Charme, der Graz gerne zugeschrieben wird, in der Familie. Die köstliche Pasta spricht Bände. Zum Abschied nimmt man einen Espresso an der Bar, quasi zum Hauspreis.

Tradition und Handwerk haben in der Neutorgasse und den angrenzenden Straßen angestammte Plätze. Anna Plössnig hat ihren Laden vor einem Jahr bezogen. Zuvor werkte die Geigenbauerin in ihren eigenen vier Wänden, gleich zwei Häuser weiter. Die Neutorgasse ist der gebürtigen Kärntnerin nach Wanderlehrjahren in Paris und Nottingham ans Herzen gewachsen und Heimat geworden. Die Kontrabassisten von der Kunstuniversität und die Volksmusiker, alle gehen in dem Ein-Frau-Betrieb ein und aus. Ihre Instrumente überlassen sie Plössnig immer wieder zur Wartung. „Hausärzte wechselt man ja auch nur, wenn man gezwungen ist“, lacht Plössnig. Beim Geigenrestaurieren und -bauen darf man ihr gerne über die Schulter schauen. Kundenbindung und Service sind keine Begriffe aus der letzten Verkaufsschulung. Ob bei Ludwig Reiter, der Schnellsohlerei in der Raubergasse oder „In&Out Records“, einem Platten- und Cd-Laden wie aus Nick Hornbys Bestseller „High Fidelity“.

„Vor zehn Uhr sperrt hier im Umkreis von fünf Gehminuten kaum ein Geschäft auf.“

In einer verspäteten Mittagspause, die sich schon mal zu Kaffee und Kuchen erstrecken kann, kommen viele der Geschäftstreibenden und Anrainer gerne bei Rudi Lackner im Café Kaiserfeld zusammen. Alexa Holzer vom Laden 21 schätzt die kollegiale Atmosphäre. Vis-à-vis winkt Daniela Haberz, während sie ihre kleine, doch beachtliche Galerie para_SITE aufsperrt. Nachdem die junge Grazerin einen Kunstraum in London betrieben hat, ist sie zurück in der Stadt. In der Kaiserfeldgasse fühlt sie sich wohl. Ein verstaubter Rollladen nach dem anderen wurde in den letzten Jahren hochgezogen. Die alteingesessenen Geschäfte und Cafés haben neue Nachbarn bekommen. Neugierig beäugt hat man sich nur kurze Zeit. Wenn Haberz eine neue Ausstellung eröffnet und junge Künstlerinnen wie Marlene Hausegger begrüßt, bildet sich eine Menschentraube auf dem Gehsteig. Auch Adam Budak, der Chefkurator am Kunsthaus Graz war, schaut vorbei. Tradition und zeitgenössische Kunst, das geht hervorragend zusammen. Optimale Voraussetzungen für das neue Joanneumsviertel, auf das sich viele freuen. Das Museumsgebäude in der Neutorgasse ist bereits herausgeputzt. Ob es bald auch die eigens aufgelegten Briefmarken mit Motiv „Joanneumsviertel“ gibt? Die Postangestellten in der Filiale in der Neutorgasse 46 würden sich das wünschen. Aktuell zählt das Motiv Kunsthaus zu den begehrtesten Marken. Auch unter Grazerinnen und Grazern.